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10. Januar 2005. Nachrichten: Natur & Umwelt - Südasien Messstationen allein reichen nicht

Aufbau eines Tsunami-Warnsystems verlangt vor allem bessere Kommunikationsstrukturen vor Ort

Nach dem Beschluss des internationale Krisengipfels in der indonesischen Hauptstadt Jakarta am Donnerstag, ein Tsunami-Frühwarnsystem für das Gebiet des Indischen Ozeans aufzubauen, stellt sich die Frage, wie ein solches System aussehen soll.

Seit 1963 existiert rund um den Pazifik ein Warnsystem, dass die Anrainerstaaten möglichst schnell nach einem Erdbeben darüber informiert, ob die Gefahr von Tsunami besteht, also wann und in welcher Höhe die mörderischen Wellen ihre Küsten erreichen. Genau genommen sind zwei der jetzt so schwer betroffenenen südostasiatischen Staaten - Indonesien und Thailand - sogar Mitglieder in dem pazifischen Warnsystem. Allerdings nur, soweit es sich um Tsunami aus dem Pazifik handelt. Mag ein Tsunami-Alarm in Nordsumatra wegen der Nähe zum Bebenherd ohnehin chancenlos gewesen sein, so blieb die Meldung des Pazifikwarnsystems in Thailand auf dem Behördenweg stecken.

Damit ist eines der zentralen Probleme jeden Frühwarnsystems deutlich geworden. Die rechtzeitige Bereitstellung von Informationen nutzt wenig, wenn sie nicht beim letzten Fischer oder Badegast an der Küste ankommt. Und auch dort würde ein Alarm ohne regelmäßige Schulungen, wie sie beispielsweise in Japan üblich sind, nicht sehr hilfreich sein. Denn sich nähernde Tsunami lassen sich durchaus erkennen. So zieht sich das Meer vor einem Tsunami schnell und außergewöhnlich weit zurück. Dann hat man normalerweise noch 10 bis 15 Minuten Zeit, um sich zu retten. Deshalb muss unabhängig von jeder internationalen Hilfe beim Ausbau und der Modernisierung des Messnetzes im Bereich des Indischen Ozeans in den Ländern selbst eine komplette Katastrophenschutz-Infrastruktur aufgebaut werden, mit klaren Kompetenzen, Kommunikationswegen von zentralen Leitstellen bis in die Küstensiedlungen sowie praktikablen Evakuierungsplänen.

Dennoch, so der Erdbebenexperte Rainer Kind vom GeoForschungszentrum Potsdam auf Anfrage, ist auch einiges in die Messtechnik zu investieren. Denn derzeit existieren in dem ganzen Gebiet nur eine Hand voll seismische Messstationen, die mit dem weltweiten Messnetz verbunden sind – zu wenige, um schnell exakte Angaben über Ausbreitung und Größe des Tsunami zu machen. Dagegen ist in den erdbebenträchtigen Gebieten des Pazifik ein Vielfaches an solchen Stationen installiert. Zudem erfolgt dort inzwischen ein großer Teil der Bebenmessungen durch Geräte auf dem Meeresgrund, die ihre Ergebnisse über Sender auf Bojen via Satellit an die Tsunami-Warnzentralen übermitteln.

Um die Voraussage sicherer zu machen, wurde im Pazifik bis zum Jahre 2003 eine größere Zahl von Druckmessstationen versenkt, mit deren Hilfe die Höhe des Meeresspiegels unabhängig vom normalen Wellengang ermittelt werden kann. Auf diese Weise lassen sich die typischen, oft über mehrere hundert Kilometer reichenden Wellen der Tsunami bereits auf hoher See identifizieren. Das Prinzip ist einfach: Unter einer hohen Welle ist der Druck höher, weil sich mehr Wasser auftürmt. Wegen der riesigen Wellenlänge wären in dem kleineren Indischen Ozean nur einige Dutzend Detektoren nötig, erläuterte der Meeresforscher Cesar Ranero vom Zentrum für marine Geowissenschaften GEOMAR in Kiel.

Die geringere Größe des Indischen Ozeans bringt allerdings auch einen Nachteil mit sich. Anders als im Pazifik, wo vielfach bis zu 15 Stunden Vorwarnzeit bleiben, braucht die Welle vom Sunda-Graben, wo der jüngste Tsunami seinen Ausgang nahm, nur zwei Stunden bis nach Indien oder Sri Lanka.

Doch nicht nur im Indischen Ozean, sondern auch im Atlantik und im Mittelmeer halten die Erdbebenexperten solche Warnsysteme für sinnvoll. Auch hier hatten Tsunami in der Vergangenheit Tausende Menschenleben gekostet.

Quelle: Der Text erschien am 8. Januar 2005 in der Tageszeitung "Neues Deutschland".

Dieser Beitrag gehört zum Schwerpunkt: Der Tsunami im Indischen Ozean .

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