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18. Juli 2003. Rezensionen: Geschichte & Religion - Indien "Netaji" Boses Pakt mit dem Teufel

Der indische Politiker warb in Nazideutschland Legionäre für den Befreiungskampf gegen die Briten

Vor 60 Jahren berichtete die Berliner Presse in großer Aufmachung von einer Pressekonferenz des indischen Politikers Subhas Chandra Bose nach seiner Ankunft in Japan. Verschwiegen wurde dort, dass Bose in Nazideutschland eine Indische Legion gegen die britische Kolonialmacht aufgestellt hatte. Ein neues Buch erhellt die Geschichte der Truppe.

Die "Berliner illustrierte Nachtausgabe" titelte am 19. Juni 1943: "Nach der überraschenden Ankunft in Japan: Bose über die entscheidende Wende im Freiheitskampf des indischen Volkes". Doch überraschend konnte dies gerade für deutsche Zeitungen nicht sein. Denn Subhas Chandra Bose war 1941 über Kabul und Moskau nach Berlin gekommen, um bei den Feinden seiner Feinde (den britischen Kolonialherren) Unterstützung für den indischen Befreiungskampf zu finden. Zu diesem Zwecke war der Mitstreiter von Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru (Bose war 1938 und 1939 Präsident der Kongresspartei) bereit, selbst einen Pakt mit dem Teufel einzugehen. Da Moskau jegliche Unterstützung ablehnte, wollte er die deutschen Nazis für seine Ziele einspannen, obwohl er deren Rassismus ablehnte.

Obgleich sich die Naziführung weigerte, eine Garantie für die Unabhängigkeit Indiens abzugeben, unterstützte sie den Aufbau des Free India Centre (Zentrale Freies Indien) und des antibritischen Senders "Radio Azad Hind" (Sender Freies Indien) in Berlin. Darüber hinaus konnte Bose - von seinen Anhängern "Netaji" (etwa: Chef, Führer) genannt - 1942 in Annaburg bei Torgau und Königsbrück eine ihm ergebene Truppe aufstellen, über deren Entstehung und Ende Lothar Günther in seinem jüngst erschienenen Buch "Von Indien nach Annaburg" viel Neues vermittelt. Von den rund 15000 indischen Kriegsgefangenen, die den Achsenmächten in Europa in die Hände fielen, erklärten sich - oft nach spektakulären Auftritten Boses in Gefangenenlagern - 3500 zum Eintritt in die Indische Legion bereit.

Nach Boses Vorstellungen sollte die Truppe quasi zur Keimzelle eines von religiösen, ethnischen und Kastenunterschieden befreiten Indien werden. "Bose", so Günther, "liquidierte konsequent jede strenge Einteilung nach Volks-, Religions- und Kastengruppen, wie sie in der britisch-indischen Armee üblich war." Aus den Schilderungen ehemaliger Legionäre und Annaburger Einwohner - wobei sich Günther auch auf Recherchen des Hobbyforschers Volker Kummer stützt - ergibt sich ein lebendiges Bild des Alltags der Bose-Anhänger. Während sie Probleme mit der Ernährung hatten, wurde der Dienst so eingerichtet, dass die Muslime fünfmal am Tag ihr Haupt gen Mekka neigen und auch Hindus und Sikhs ihre Religion ausüben konnten. Von der Tätigkeit der deutschen Dolmetscher berichtet Günther, dass sie zum "oft herzlichen Kontakt zur deutschen Bevölkerung" beitrugen - "ein in Zeiten des faschistischen Rassenwahns höchst bemerkenswerter Vorgang".

Doch die vier Bataillone der Legion sollten - anders als Bose selbst - während des Krieges nicht in Südasien, sondern an der Westfront gegen ihre Kolonialherren zu Felde ziehen. Viele Monate bewachten sie die Atlantikküste bei Bordeaux. Nach der Niederlage des Faschismus wurden sie von den Briten als Deserteure in ein Gefangenenlager bei Delhi gebracht und ebenso wie die gefangenen Soldaten von Boses Indischer Nationalarmee verhört und teilweise angeklagt - die Prozesse im Delhier Roten Fort, mit denen die Briten die Freiheitsbewegung delegitimieren wollten, erreichten indes das Gegenteil.

Bose war bereits im Februar 1943 an Bord eines Nazi-U-Bootes gen Japan aufgebrochen. Was Bose im Juni desselben Jahres in Tokio nur andeutete: In jenen Tagen entstand, vornehmlich mit Geldern von Auslands-Indern, unter seinem Kommando die bis zu 40000 Mann (auch Frauenbataillone) umfassende Indische Nationalarmee, die zusammen mit den Japanern auf Indien vorrückte. Boses Hauptquartiere waren in Rangun, wo er auch mit Ho Chi Minh zusammentraf, und auf den indischen Andamanen-Inseln. Doch mit der Niederlage der Japaner war auch Bose geschlagen. Unmittelbar nach der Kapitulation Japans kam er bei einem Flugzeugunglück auf Taiwan ums Leben.

Günther, der bereits mehrere Arbeiten zur Geschichte der deutsch-indischen Beziehungen veröffentlichte, hat hier erneut versucht, eine Lücke zu füllen. Eine umfassende Biografie Boses steht indes noch aus. Spätestens seit den Feiern zum 100. Bose-Geburtstag 1997 wird er in Indien auch offiziell als Freiheitsheld geehrt.

Und wenn heute ein indischer Staatsgast nach Deutschland kommt, versäumt er es meist nicht, Boses Tochter Prof. Anita Pfaff zu besuchen, die in einem ND-Gespräch Wert auf die Feststellung legte: "Mein Vater war kein Faschist." Auch Indiens Premier Vajpayee reiste bei seiner jüngsten Deutschland-Visite nicht ab, bevor er die in Augsburg lebende Bose-Tochter getroffen hatte.

Buchtipp

Lothar Günther, Von Indien nach Annaburg - Indische Legion und Kriegsgefangene in Deutschland, verlag am park, Berlin 2003, 144 Seiten, 12,90 Euro.

Quelle: Der Text erschien am 16. Juli 2003 in der Tageszeitung Neues Deutschland.

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